Manchen
Stimmen gelingt es innerhalb von Minuten, das Publikum zu becircen.
Dobet Gnahoré hat so eine Stimme. Ihr klarer Alt kann sensibel
und zärtlich in dunklen Lagen hauchen und sich mühelos
vom Flüstern in mittlere Lagen aufschwingen. Großes
Volumen und wohl auch langjähriges Training bewahren das
samtige Timbre auch in nachdrücklichen Phrasierungen vor
Schärfe. Selbst die Jodler zentralafrikanischer Pygmäen,
einst durch das legendäre A Capella-Ensemble Zap Mama bekannt
geworden, lässt Dobet Gnahoré spielerisch leicht einfließen,
wenngleich auch nur als Effekt und lustiges Spiel mit dem Publikum.
Die
Songs der gerade einundzwanzig Jahre alten Frau machen es den
Zuhörern leicht, ohne sich westlichen Hörgewohnheiten
vordergründig anzudienen. Relativ einfach strukturiert konzentrieren
sie sich auf klare Melodielinien und sparsame Begleitung. Beinahe
allgegenwärtig swingen sanfte Pickings der akustischen Gitarre,
dahinter grundieren Rasseln, ecken oder dunkle Beats von Conga
oder Calebasse sensibel den Takt. Selten suchen Daumenklavier
oder Balafon eine direkte Verbindung zu archaischen Überlieferungen,
schärfen dann aber umso mehr das Profil der Stücke.
Obwohl sie auf Keyboard und andere elektrische Instrumente verzichtet
klingt Dobet Gnahorés Musik meist städtisch und zeitlos.
Urbaner Pop, gesungen in heimischen Idiomen, der sich auf den
Spuren afrikanisch-kosmopolitischer Singer/Sonwriter wie Habib
Koite oder Lokua Kanza bewegt.
Eine
ganze Weile schon ist das Leben in der Elfenbeinküste, dem
ehemals so stabilen westafrikanischen Staat, gefährlich geworden.
Gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen fiel Gnahorés
Toningenieur in Abidjan einem verwirrten Schützen zum Opfer.
Da waren bereits sechs Songs für das Album "Ano Neko"
eingespielt. Bald darauf zog Gnahoré mit ihrem französischen
Ehemann, dem Gitarristen und Co-Komponisten Colin Laroche de Feline,
nach Marseille. Den Rest der hierzulande noch nicht im Laden erhältlichen
CD produzierten sie in Belgien, größtenteils unter
Leitung ihres Vaters, des Perkussionisten Boni Gnahoré.
Zweifellos
hat er seine Tochter schon früher beeinflusst. Bereits mit
zwölf spielte Dobet Gnahoré Theater, was ihre heutige
Sicherheit und Präsenz auch auf einer fremden Bühne
erklärt. Selbstverständlich hat sie neben ihrer Stimme
auch verschiedene Perkussionsinstrumente fest im Griff, variiert
zudem geschickt die Dynamik des Konzerts. Mal sitzt sie alleine
mit einer Tonvase am Bühnenrand, schlägt einen minimalistischen
Beat und konzentriert alle Intensität in einen besänftigenden,
doch scheinbar gleichermaßen lauernden Gesang. In besonders
schwungvollen Momenten reißt die junge Frau das begeisterte
Publikum zusätzlich durch kurze expressive Tanzeinlagen hin.
Mit der Zeit offenbart der Auftritt allerdings eine straffe Dramaturgie,
die keine echten Improvisationen vorsieht. Das schmälert
nicht Gnahorés spielfreudige Ausstrahlung, lässt aber
die Musiker etwas blass wirken. Zwar setzt Perkussionist Laurent
Rigaud vereinzelt am Balafon Akzente, doch ein nahe liegender
spontaner Dialog mit Gnahorés Kalebasse bleibt aus. Letztlich
genügen allein das Talent und der natürliche Charme
Dobet Gnahorés, um den ausverkauften Großen Saal
der Brotfabrik in Euphorie zu versetzen.
NORBERT KRAMPF - FAZ 08.04.04"
"Ein
voller Saal für das deutsche Debüt einer jungen afrikanischen
Sängerin, die noch nicht auf die Zugkraft eines klingenden
Namens setzen kann: Das spricht für das Vertrauen des Publikums
in den Veranstalter. Und Dobet Gnahoré wurde zum Schluss
ihres Konzerts in der Frankfurter Brotfabrik stürmisch gefeiert;
sie ist aber auch jemand, der es dem Publikum leicht macht. Gnahoré
ist erst 21 Jahre alt, tritt aber bereits mit großer Souveränität
auf. Dobet Gnahoré kommt von der Elfenbeinküste; buntscheckig
wirkt ihr Stilmix, der sich auf eine im 20. Jahrhundert entstandene
westafrikanische Tradition der populären Vermischung diverser
musikalischer Idiome mit westlichen Pop-Errungenschaften berufen
kann. Beliebt ist dieses Afropop-Entertainment ob seiner Eingängigkeit
gleichermaßen in der Ursprungsregion wie hier bei uns. Einerseits
kommt es den heimischen Hörgewohnheiten sehr weit entgegen,
zugleich hat es den vollen Reiz afrikanischen Flairs.Dobet Gnahorés
Trumpfkarte ist ihre voll tönende Altstimme, mit der sie
in mehreren afrikanischen Sprachen singt und vereinzelt ins Französische
überwechselt. Aus der Tiefe steigt die Stimme immer wieder
auf in attraktiv gurrende, manchmal gar an Jodler erinnernde Koloraturen.
Ob im Gesang oder in den rasanten, von Stammesriten abgeleiteten
und bisweilen in augenzwinkernde Groteske hinübergezogenen
Tänzen: Segmente der afrikanischen Überlieferung werden
hier in einen modernen Kontext übertragen. In Balladen und
Tanzlieder teilt sich das musikalisch sehr vielgestaltige Konzert
mit Dobet Gnahoré und ihrer dreiköpfigen Band. Von
Liebesdingen und von die Gesellschaft bewegenden Themen wie der
für Afrika existenziell bedrohlichen Aids-Seuche handeln
die Lieder. Man muss die Sprache nicht verstehen, um durch die
Musik zu spüren, dass die Grenze zu kitschiger Sozialromantik
bisweilen überschritten wird.
Dobet Gnahorés Stimme ist eingebunden in wechselhaft karge
Arrangements. Im reduziertesten Fall begleitet Dobet Gnahoré
sich selbst allein auf der Klangvase. Die Perkussion, Basis sämtlicher
Stücke, ist eine feingliedrige. Ungeachtet einer songhaften
Linearität trudelt sie im Krebsgang. Bisweilen tritt das
Balafon, das afrikanische Xylofon, in Erscheinung; Dobet Gnahoré
selbst spielt das - ohne guten Grund - als "Daumenklavier"
geläufige Zupf-Metallophon Mbira. Die akustische Gitarre
übernimmt als Solo- und Harmonieinstrument einen swingenden
Groove. Ein Erfolg zum Einstand: Die hochtalentierte Dobet Gnahoré
trifft den Geschmack des Weltmusik-Publikums zielsicher. Man muss
kein Prophet sein, um ihr eine große Zukunft vorherzusagen."
07.04.2004 Stefan Michalzik
Frankfurter Rundschau
Besetzung 2007:
Dobet GNAHORE - lead vocal, percussions
Colin LAROCHE DE FELINE - guitare, choeurs
Nabil MEHREZI - basse, choeurs
Tchango Amontete KASSOUNG - batterie, percussions
Sibongile Maria MBAMBO - choeurs